Städtereise in die Hauptstadt Finnlands - Helsinki

 

Liebe auf den zweiten Blick

Direkte Bahnverbindungen aus dem Ausland gibt es nur von St. Petersburg. Aus Deutschland kommend, erreicht man Finnland auf schnellstem Wege aus der Luft. Von Düsseldorf fliegt man nonstop  in weniger als zweieinhalb Stunden nach Vantaa, dem Hauptflughafen und größten Verkehrsknotenpunkt. Entschleunigt und stilechter geht es mit der Fähre. Wer sich in Kiel, Rostock  oder Travemünde einschifft, nähert sich der Hafenstadt so, wie es die Kauffahrer seit ihrer Gründung 1550 durch den Schwedenkönig Gustav I. Wasa taten: über die Ostsee. Am Nordufer des Finnischen Meerbusens liegt Helsinki, flach hingestreckt auf den Granitfelsen. Die größte Erhebung im Stadtgebiet, die immerhin 90 Meter über den Meeresspiegel aufragt, kam durch eine Anhäufung von Bauaushub zustande. Und gebaut wurde viel während der letzten zweihundert Jahre. 

Folglich finden sich in Helsinki jede Menge architektonischer Kleinodien. Den wiederholten Beschädigungen während der schwedisch-russischen Machtproben zum Trotz wuchs die Stadt im 19. Jahrhundert zur Metropole heran. Dem deutschen Baumeister Carl Ludwig Engel (1748-1840) oblag es, das 4.000-Seelen-Städtchen zur repräsentativen Hauptstadt des neu gegründeten russischen Großfürstentums Finnland umzugestalten. Aus jener Zeit datiert das klassizistische Ensemble rund um den Senatsplatz, der Grund für den Beinamen „weiße Stadt des Nordens“. Jedoch weist Helsinki mit dem Hauptbahnhof und dem Nationalmuseum auch bedeutende Zeugnisse des Jugendstils und mit der  Finlandia-Halle oder dem Konzertund Kongresszentrum solche des Funktionalismus auf.
 
 

Stille Größe statt großer Worte

1917 ist es soweit: Aus dem autonomen Großfürstentum wird ein souveräner, aufstrebender Staat. Insbesondere während der Industrialisierung dehnt sich gerade die Hauptstadt enorm aus, um die rasant anwachsende Bevölkerung fassen zu können. Weder der folgende Bürgerkrieg noch das Bombardement des Zweiten Weltkriegs richten größere Schäden an und so überschreitet Helsinki 1965 bereits die 500.000-Einwohner-Marke, begleitet von einem wahren Bauboom. Auf der Mercer-Liste der Städte mit der höchsten Lebensqualität rangiert sie auf Platz sieben: Als eine der saubersten und sichersten Metropolen der Welt verfügt Finnlands Hauptstadt über eine rege Kunst- und Kulturszene sowie eine reizvolle Mischung aus familiärer Atmosphäre und weltstädtischem Flair, die Besucher aus aller Welt anzieht - und viele zum Bleiben bewegt.
 
Beinahe zehn Prozent der Einwohner haben eine andere Muttersprache als die zwei offiziellen Amtssprachen Schwedisch oder Finnisch. Fast alle Finnen sprechen darüber hinaus Englisch. Wenn sie denn sprechen, heißt das, denn im Allgemeinen gelten insbesondere die männlichen Einwohner als ausgesprochen wortkarg.  Im Zeitalter der Mobiltelefone allerdings trifft man in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße auch Finnen, die ebenso untypisch wie unbekümmert drauflosplaudern. 
 
 

Helsinki - lebendige Metropole

Beste Gelegenheit zum Erstkontakt bietet sich rund um den Marktplatz und entlang der Bucht: In den bunten und quirligen Straßen sorgen Imbissbuden und Souvenirstände, Veranstaltungen der Yachtclubs und Märkte für reichlich Abwechslung und eine festlichheitere Atmosphäre. Ein Highlight im Oktober ist das alljährliche Baltische Heringsfestival auf dem Marktplatz, zu dem Fischer von der gesamten Südküste zusammenkommen, um ihre Produkte zu verkaufen. Neben Hering in allen Variationen sind das unter anderem Schwarzbrot und Kleidung aus Schafswolle. Unternehmungslustige verbinden die Achterbahnfahrt im Vergnügungspark Linnanmaki mit einem Besuch im Sea Life Centre gleich nebenan. Wer stärker kulturell interessiert ist, braucht nur ein paar Schritte weiterzugehen und den Senatsplatz anzusteuern, das geistige Zentrum der Stadt. Vier beeindruckende Gebäude - der Dom , die Universität, die Nationalbibliothek und der Regierungspalast - markieren die Ecken des Platzes, in dessen Zentrum eine Statue Alexanders II. von Russland thront, einem Wegbereiter der finnischen Autonomie. 
 
Im Anschluss an das Kulturprogramm bietet die Aleksanterinkatu, die Shoppingmeile, reichlich Auswahl an Cafés, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten wie dem Stockmann-Kaufhaus zum Entspannen und Sich-treibenlassen. Gourmets schließlich, die den Tag mit einem lukullischen Höhepunkt beschließen wollen, haben die Qual der Wahl zwischen vielen jungen, ambitionierten Restaurants: Ebenso lecker wie kreativ werden hier landestypische Köstlichkeiten wie Elch, Pilze und Fisch in allen Variationen zubereitet. Neue Nordische Küche heißt die skandinavische Antwort auf die Nouvelle Cuisine, und ihr kulinarisches Zentrum ist Helsinki. 
 
Wer also die Kunst der sanften Eroberung versteht, wer beharrlich bleibt und nicht auf der Suche ist nach einer schnellen, hitzigen Affäre, dem öffnet sich die „Tochter der Ostsee“ schließlich - und dann ist sie eine langjährige und treue Geliebte, deren Reize jenen von greller herausgeputzten Hauptstädten in nichts nachstehen. 
 

Quelle: Kundenmagazin FREIZEIT 09/20110 Autor: Aldo Green

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