Städteurlaub London:

Dicke Tränen an der Themse

„Endlich Regen“, denke ich, während eines Themsen-Spaziergangs die Wassertropfen auf meinen Schirm prasseln. Hinter mir hebt sich die weltberühmte Tower Bridge vom diesigen Londoner Himmel ab. Fast zwei Tage dauert es, bis die Hauptstadt Englands ihrem Ruf gerecht wird und dem deutschen Last Minute Urlauber einen verspäteten, aber dafür umso feuchteren Willkommensgruß vom Himmel schickt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits drei Dinge gelernt: Bequeme Schuhe sind die besten Freunde des Stadturlaubers, wer seine Sehgewohnheiten ändert, lebt länger und in London kommt fast jeder ins Fernsehen.

Wahrscheinlich wird mein Bild nicht zur Hauptsendezeit bei den BBC World News laufen, dafür aber über so manch einen Überwachungsbildschirm flimmern. An vielen Plätzen Londons sind aus Sicherheitsgründen Kameras installiert - CCTV (Closed Circuit Television) nennen sich die „Digitalaugen“ der Metropole. Bevor ich aber deswegen große Augen machen kann, muss ich diese zunächst mit Hilfe eines koffeinhaltigen Heißgetränks auf Normalgröße hochpäppeln. Kein Wunder, bin ich doch an diesem Morgen schon um 3.30 Uhr aufgestanden, um den Flieger für meinen dreitägigen Kurzaufenthalt von Freitag- bis Montagmorgen Richtung Großbritannien zu erwischen. Der Plan: In zweieinhalb Tagen so viele Sehenswürdigkeiten wie möglich besuchen. Ein hoffnungs- wie auch schmerzvolles Unterfangen: London ist dermaßen angereichert mit touristischen Anlaufpunkten, dass man zweifelsohne einige links und rechts liegen lassen muss, will man sich körperlich nicht verausgaben. Aber selbst das Sightseeing auf Lücke hinterlässt müde Glieder, die mich abends binnen Sekunden in den Schlaf der Gerechten befördern. Gut, wer hier die schicken, aber unbequemen Schuhe im Koffer gelassen und sich für komfortables Laufwerk entschieden hat.

Freitag

Einer meiner ersten Anlaufpunkte ist der Piccadilly Circus. Die Straßenkreuzung mit ihren bunten (digitalen) Werbetafeln will wohl jeder London-Besucher sehen. Dementsprechend wuselig gestaltet sich der Platz. Die treppenbewährte Skulptur „Angel of Christian Charity“ eignet sich hervorragend, um kurz zu rasten und dabei das bunte Treiben auf sich wirken zu lassen. Von dort aus schlendere ich Richtung Soho. Oxford Street, Regent Street und Shaftesbury Avenue sind meine Wegmarken beim Lustwandeln in dem Gewirr von Straßen, Gassen, Restaurants, Pubs und Geschäften. Abwechselnd kann man sich dabei an Souvenir-, Kleider- oder  Posterläden aber auch an Erotik-Boutiquen erfreuen. Die Old Compton Street ist eine Art Hauptstraße der Londoner Homosexuellen, dementsprechend viele Cafés und Läden haben ihr Angebot auf eben diese Zielgruppe ausgerichtet. Hier, am Puls der Zeit, schnellt auch meiniger nach zwei Beinahezusammenstößen mit Autos in bis dato unbekannte Höhen. Denn spätestens in diesem quirligen Viertel meldet sich der britische Linksverkehr lautstark und quietschend zu Wort. Autos kommen beim Überqueren der Straßen nicht aus der gewohnten, sondern aus der entgegen gesetzten Richtung. Und wer nicht in den Genuss britischer Krankenhausfürsorge kommen möchte, sollte seine Sehgewohnheiten anpassen. Glücklicherweise haben die Londoner Stadtherren ein Einsehen mit verwirrten Touristen und so verweisen große Lettern auf den Straßen in die korrekte Blickrichtung.


Bei meinem Streifzug durch Soho wandele ich natürlich auch auf Einkaufsfüßen Richtung Shopping Mekka Carnaby Street. Läden, Boutiquen und sonstige Lokalitäten weiblicher Einkaufsträume zeigen hier ihr verlockendes Antlitz. Die schnuckeligen (Backstein)Häuschen sorgen trotz allen Trubels für eine entspannte Atmosphäre. Im Anschluss shoppe, sorry, schaue ich noch einmal Richtung Oxford Circus vorbei. Dies ist die Residenz einer von Londons bekanntesten Konsum-Filialen, Topshop. Doch genug des oberflächlichen Kaufrausches - dem Redakteur dürstet es nach Ruhe. Gelegenheit dazu bietet sich auf dem Friedhof der St. Pancras Old Church. Hier an der Pancras Road in Camden schaue ich älteren Damen beim Hundeausführen zu und tue - nichts. Überhaupt: Das Nichtstun ist eine überaus unterschätzte Aktivität beim Stadturlaub. Man sollte sich diese süßen Phasen der Ruhe gönnen, denn die nächste Sehenswürdigkeit wartet bestimmt. Meine hört auf den Namen Trafalgar Square in der Nähe des Leicester  Square  und gehört zu den größten Momenten meines City-Urlaubs. Was vielleicht daran liegen könnte, dass es sich hierbei um den größten öffentlichen Platz handelt. Dominiert wird diese mit Touristen, Londonern und Musikern angefüllte Anlage von der 51 Meter hohen Nelson Säule. Diese wurde zu Ehren von Admiral Horatio Nelson aufgestellt, der in der siegreichen Seeschlacht von Trafalger im Jahr 1805 sein Leben für das britische Empire ließ und so Napoleons Pläne zur Eroberung der britischen Inseln verhinderte.

 

In unmittelbarer Nähe befindet sich übrigens die National Gallery. Fast ist man versucht, sich mit einem Glas Wein auf eine der Bänke zu setzen und das ein oder andere Schwätzchen zu halten. Leider lässt die Abwesenheit wärmender Sonnenstrahlen Körper und Gedanken an eine Rast erkalten und vielmehr den Wunsch aufkommen, einen weiteren Winkel Londons zu erkunden. Beim Weg zur U-Bahn, bzw. „Tube“, wie die Londoner sie liebevoll nennen, bekomme ich noch Gelegenheit, mich über Grüppchen von Briten zu wundern, die schon am späten Nachmittag vor den Pubs stehen, um sich lautstark das eine oder andere Pint (halber Liter Bier) zu gönnen. Ich gönne mir den Nachhauseweg ins Hotel, da Füße und Rücken lautstark nach einer Pause verlangen.

Samstag

Der Mensch, und der Redakteur insbesondere, sind ja Gewohnheitstiere. Doch sich schon am frühen Morgen an Speck, Würstchen, Bohnen und in Fett getränkten Toasts zu laben, ist ein Ritus, an den ich mich einfach nicht gewöhnen will. Unsereins genießt vielmehr den leckeren Hotelkaffee, reichert seine Morgenmahlzeit noch mit Joghurt sowie Marmeladenbrötchen an und startet so in das bevorstehende Exkursionsabenteuer. Als absoluter Glücksgriff erweist sich der Kauf der London Travel Card mit der man zum Festpreis (rund 64 €) das gesamte Londoner Nahverkehrsnetz für sieben Tage in Anspruch nehmen kann. Die Tube wird in diesen Tagen zu meinem treuesten Reisemittel. Mit ihr kommt man (fast) überall (relativ) schnell hin. Allerdings gilt es zwei Dinge zu bedenken: In vielen Stationen ist unglaublich heiß und gerade zu Stoßzeiten sollte man sich auf dichtes Gedränge gefasst machen. Und wer nun der Meinung ist, dass der gemeine Deutsche ein von der Straßenverkehrsordnung bevormundetes Früchtchen ist, der ist noch nicht mit der Tube gereist. Im Sekundentakt plärrt einem aus den Boxen in den Abteilen der Aufruf „Please, mind the gap“ (Bitte achten Sie auf die Lücke) entgegen. Dieser überaus inflationär kommunizierte Hinweis soll unachtsame Naturen davor bewahren, beim Ein- und Aussteigen in die Lücke zwischen U-Bahn und Bahnsteig zu rutschen. Den Londoner stört die permanente akustische Gängelung weniger, er nutzt die Zeit in der Tube, um wichtigen Aktivitäten wie Lesen oder dem bei der Damenwelt auch sehr beliebten Schminken nachzugehen.

Mein Wille ist es, heute Abend den philosophischen Ausführungen von Herrn Alan Bennett zu lauschen. So führt mich mein erster Weg schnurstracks Richtung National Theatre. Dort erstehe ich schon morgens für zehn Pfund eine Theaterkarte für „The Habit Of Art“. Der Erwerb soll sich als weise Entscheidung herausstellen. Denn obwohl ich als Nichtbrite nur die Hälfte der messerscharf geführten Dialoge auf der Bühne verstehe, ist es doch ein Hochgenuss ebendiesen zu folgen. Allein der Klang der distinguierten Gespräche zwischen den Schauspielern bereitet eine wahre Ohrenfreude.

Weitere Stationen des heutigen Tages sind Westminster Abbey, London Tower und auch auf das London Eye - das mit 135 Meter höchste Riesenrad Europas - kann ich ein Auge werfen. Zum absoluten Spektakel soll sich aber der Wachwechsel am Buckingham Palace entwickeln. Kleiner Tipp: Wer in Ruhe die Ablösung rotberockter Soldaten sehen möchte, sollte sich beim Guard´s Shop am Birdcage Walk einfinden. Schräg gegenüber vom Buckingham Palace gelegen, hat man hier nahezu freie Sicht, ehe sich die Soldaten mit ihren Bärenfellmützen Richtung Buckingham Palace aufmachen. Überraschend: Das Militärorchester schmettert beim täglichen Ritual Hits von den Beatles oder auch einmal die Titelmelodie vom Kinohit „Rocky“. Vor dem Buckingham Palace herrscht dichtes Gedränge. Hunderte Schaulustiger wollen dem Zeremoniell „Changing of the guards“ beiwohnen. Leider findet der Wachwechsel hinter einem Zaun statt. Wer zu spät kommt sieht nur noch die Rücken der davor dicht gedrängten Zuschauer.

Auch die nächste Station, Londons berühmtestes und wohl auch größtes Kaufhaus Harrods, bietet etwas fürs Auge: 1849 gegründet, hat sich das ehemals kleine Geschäft zu einem gigantischen Konsumtempel mit rund 300 Abteilungen gemausert. Ein besonderer Blickfang ist die wunderschön eingerichtete Lebensmittelabteilung im Erdgeschoss. Aber auch die anderen Räume, wie etwa die als Room of Luxury bezeichnete Schmuckabteilung, sind einen Blick wert. Leider fällt der Besuch des nah gelegenen Hyde Parks ins Wasser. Doch die mit rund 145 Hektar größte Grünanlage Londons macht bei acht Grad und Nieselregen einfach keinen Spaß. Temperaturresistent zeigt sich hingegen der Londoner. Besonders viele junge Frauen scheinen körperlich so abgehärtet zu sein, dass sich selbst bei knappsten Miniröcken und dünnsten Oberteilen kein Gefühl des Fröstelns einstellt. Offensichtlich ist der Himmel von der ihm dargebotenen Mode dermaßen angetan, dass er sich entscheidet, den Regen für heute in den Feierabend zu schicken.

Mit wohligen Sonnenstrahlen im Rücken macht dann meine nächste Station Notting Hill auch gleich doppelt so viel Spaß. Heute bieten Hunderte von Händlern auf dem Portobello Road Market ihre Waren feil. Von Antiquitäten über Kleidung bis hin zu allerlei Nippes gibt es hier eine Menge zu entdecken. Der Mahlstrom an Besuchern in der Portobello Road wird dabei akustisch von Straßenmusikern begleitet. Wer von der Hauptsraße in eine der Seitenstraßen Notting Hills abbiegt, wird mit himmlischer Ruhe und den aus dem gleichnamigen Film mit Julia Roberts und Hugh Grant bekannten eleganten Häusern belohnt. Diese verzaubern mit in Weiß oder auch bunt getünchten Fassaden sowie gusseisernen Zäunen.

Sonntag

Traurig darüber, dass dies mein letzter Sightseeing Tag sein wird, vergießt der Londoner Himmel am Sonntag permanent dicke Tränen - es regnet ohne Unterlass. Ich beschließe, den Sonn- in einen Museumstag umzubenennen und erstatte als erstes dem Imperial War Museum einen Besuch. Bis auf einige Sonderausstellungen ist der Eintritt hier kostenlos. Zu bestaunen gibt es zahlreiche Panzer und Geschütze aus den beiden Weltkriegen sowie Ausstellungstücke weiterer bewaffneter Konflikte. Besonders interessant finde ich die Sonderausstellung über Spionage. Hier werden Dechiffriermaschinen aber auch Skurrilitäten wie Lackschuhe mit Geheimverstecken gezeigt.

Im Anschluss zieht es mich zu der Mutter aller Londoner Museen, dem British Museum. Diese Hallen der Vergangenheit kann man einfach nur als gigantisch bezeichnen. Rund sieben Millionen Ausstellungsstücke ziehen Besucher in den Bann der Weltgeschichte. Allein der Innenhof (Great Court) mit seinem Glasdach ist schon ein Erlebnis. Mich fasziniert allerdings am meisten die British Library: Eine Art riesige Bücherei, die nicht nur überaus stilvoll eingerichtet, sondern bis an die Decke mit Relikten und Büchern voll gestopft ist. Wer möchte, kann hier einen halbe Ewigkeit verbringen.

Derart kulturell aufgeladen, bietet die Brick Lane am letzten Urlaubsabend das genaue Gegenteil. Laut, schrill und bunt wird diese Straße abends vom Londoner Partypublikum bevölkert. Dicht an dicht drängen sich hier Clubs, Bars und eine nahezu unüberschaubare Anzahl indischer Restaurants. Hier kann man zu akzeptablen Preisen (rund zehn Pfund) lecker essen, um sich im Anschluss ins Partyleben zu stürzen. Ich hingegen stürze zunächst ins Hotel und danach ins Bett. Am nächsten Morgen habe ich in der Passagiermaschine Richtung Deutschland Flugzeuge im Bauch: „Goodbye London, Du warst anstrengend, anregend und aufregend zugleich. Ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder.“

Quelle: TUI ReiseCenter Kundenmagazin Frezeit Ausgabe 07/2010 Autor Oliver Windhorst