Urlaub in Brügge - kulturelle und architektonische Blüte Flanderns

Die größte Stadt Flanderns war damals nicht nur eine der reichsten Städte Europas, sondern auch ein aufblühendes kulturelles Zentrum.

 

Die Madonna von Brügge

Zwischen 1501 und 1504 war in der Werkstätte von Michelangelo Buonarotti eine Skulptur der Gottesmutter mit dem Kind entstanden. Wieder einmal verblüffte der geniale Künstler seine Zeitgenossen, denn die Darstellung war eine ganz andere als gewohnt: Maria hält den Knaben nicht im Arm, er steht vielmehr zwischen ihren Knien und scheint sich gerade von ihr zu lösen, um auf den Betrachter zuzugehen. Ursprünglich möglicherweise für einen Altar bestimmt, fand die Skulptur das Gefallen zweier Kaufleute: Giovanni und Alessandro Moscheroni. Die vermögenden Tuchhändler  erwarben die Statue für den stolzen Preis von 4.000 Florin und schmuggelten sie heimlich nach Brügge; denn die größte Stadt Flanderns war damals nicht nur eine der reichsten Handelsstädte Europas, sondern auch ein aufblühendes  kulturelles Zentrum.

Seit dem zweiten Jahrhundert im Handel geübt, wuchs Brügge als Hansestadt im 14. Jahrhundert zur reichsten in Nordeuropa. Hundert Jahre später brachte die Regentschaft burgundischer Fürsten die kulturelle und architektonische Entwicklung zur Blüte, doch die Vormachtstellung dauerte nicht lang. Der Seearm Zwin, Brügges Zugang zum Meer und damit Grundlage seiner Handelsbeziehungen, versandete gegen Ende des 15. Jahrhunderts, und damit war Brügges Niedergang besiegelt.
 
Erst 1907, mit dem Anschluss an den Seehafen Zeebrügge,  eröffneten sich neue wirtschaftliche Perspektiven. Heute jedoch zahlt sich der jahrhundertelange Stillstand aus: Der mittelalterliche Stadtkern ist unverbaut geblieben, touristisch hoch attraktiv und bildet dieser Tage das wertvollste Kapital der Stadt.
 

Schiefe Türme und biblische Blutkonserven

Einen wunderschönen Eindruck gewinnt man auf einer Bootstour durch die zahlreichen Kanäle, die hier Reien heißen. Früher oder später ist es jedoch unvermeidlich, zu Fuß durch die Stadt zu streifen; deshalb empfiehlt es sich, keine Pfennigabsätze zu tragen: Das allgegenwärtige Kopfsteinpflaster wäre ihr Tod.

Den besten Überblick - und zwar aus der Vogelperspektive - bietet der Belfried, der „schiefe Turm von Brügge“:  Der 83 Meter hohe Glockenturm steht am Rande des Großen Marktes, wo der Reichtum Brügges seinen Ursprung hatte. Ganz in der Nähe, östlich der Markthallen, befindet sich die vielleicht anrührendste Kirche der Stadt: die Heilig-Blut-Basilika. Die romanische St. Basilius-Kapelle aus dem 12. Jahrhundert ist sozusagen der Unterbau für die obere Kapelle im gotischen Stil und gleichzeitig das älteste noch erhaltene Bauwerk in Brügge. Betritt man zunächst den romanischen Teil, ist man unweigerlich ergriffen von der schlichten, ernsten Schönheit des Raumes, wohingegen im oberen, gotischen Teil ein Überfluss an Mustern und Farben herrscht.

Hier steht auch das Tabernakel mit der Reliquie - einer Phiole mit dem Blut Christi - die der Erbauer, Graf Dietrich von Flandern, 1150 aus Jerusalem mitbrachte. Jedes Jahr am Himmelfahrtstag trägt eine festliche Prozession mit über 1.500 Laiendarstellern die Reliquie durch die Stadt - 2011 fällt die Zeremonie auf den 2. Juni.

 

Vom süßen Gold und der Erfindung der Fritten

Eine Besichtigung der sehenswertesten Gebäude der Stadt führt in jedem Fall auch zur Liebfrauenkirche: Die  monumentale fünfschiffige Kirche im gotischen Stil beherbergt einen reichen Schatz an Kunstgegenständen sowie die Grabmäler von Karl dem Kühnen (1433-1477) und seiner Tochter Maria von Burgund. Wer aber nun glaubt, Brügge sei voll und ganz im Transzendentalen verhaftet, der irrt: Höchst diesseitig sind die Genüsse, um die es im Schokoladen oder im Pommes-Frites-Museum geht: Choco Story bringt seinen Besuchern die Geheimnisse des süßen Goldes, von der Kakaobohne bis zum Praliné, von den Mayas bis heute näher. Im Friet Museum wiederum, dem weltweit einzigen Pommesmuseum, erfährt man alles rund um die Kartoffel und ihre aus Belgien stammende Zubereitungsweise in Stäbchenform.

Und wie geht die Geschichte der Madonna weiter? 1794 musste sie auf Befehl der französischen Revolutionstruppen
ihr Exil in Paris antreten, durfte jedoch nach Napoleons Untergang zurückkehren. Das zweite Mal verließ sie Brügge zwangsweise beim Rückzug der Wehrmacht 1944 - zwischen Matratzen und in einem Rot-Kreuz-Wagen wurde sie außer Landes geschafft. Nach dem Krieg fand man sie in einem Salzstollen in Österreich, zusammen mit anderen Kunstgegenständen, wieder. Heute hat sie ihren Platz in der Liebfrauenkirche gefunden - hinter Panzerglas, damit sie
nicht noch einmal unfreiwillig auf Reisen geht.
 

Quelle: Kundenmagazin FREIZEIT 02/2011, Autor: Armin v. Roon 

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